TV 1861 Erlangen-Bruck startet ins Drittliga-Abenteuer

14. August 2018 Thaler

ERLANGEN – Die Handballer des TV 1861 Erlangen-Bruck sind überraschend in die dritte Liga aufgestiegen. Zwei Wochen vor dem Runden-Start sprechen die Trainer Ben Ljevar und Roland Nixdorf über ihr großes Abenteuer.

„Eine Riesenherausforderung“: Trainer Ben Ljevar und Roland Nixdorf im Interview

Herr Ljevar, Herr Nixdorf, Sie trainieren einen Handball-Drittligisten, ein Team an der Schwelle zum Profibereich. Ist Ihnen das schon bewusst?

Roland Nixdorf: Joa. Mittlerweile wissen wir es, ist es durchgesickert. Und irgendwie muss man ja auch die Vorbereitung angehen. Da wissen wir jetzt schon, um was es im Groben geht. Natürlich bleibt es trotzdem eine Überraschung.

Was ist anders als im Vorjahr?

Ben Ljevar: Ganz neu ist, dass wir drei Wochen früher anfangen müssen. Dieses Zeitfenster, was wir uns auch nehmen für die Freiheiten der Spieler, was den Urlaub angeht zum Beispiel, ist dadurch kleiner geworden. Nun ist es so, dass sich eben der ein oder andere Spieler die Freizeit nimmt. Das macht es für uns schwieriger, weil wir nicht immer den kompletten Kader zur Verfügung haben. Dadurch ist es sehr, sehr spannend.

Nixdorf: Würden wir zwei Wochen vor Runden-Start sagen, wir sind super zufrieden und die Vorbereitung ist überragend gelaufen — so war es nicht. Doch es war auch keine völlige Katastrophe.

Ljevar: Es ist nicht so, dass die Leute nicht motiviert waren. Die sind sehr motiviert. Als Trainer hat man halt immer den Wunsch, dass alle da sind. Doch wir passen uns den Rahmenbedingungen an. Wir handhaben das eben anders als andere Vereine in der Regionalliga, alleine vom Budget her, da sind wir komplett anders.

Die Trainer Ben Ljevar und Roland Nixdorf.

Ben Ljevar, Roland Nixdorf und Kathrina Tontsch im Gespräch bei den Erlanger Nachrichten. Quelle: Ulf Thaler

Inwiefern?

Nixdorf: Vor allem unterscheiden wir uns im Trainingsumfang. Wir haben drei plus x-mal Training pro Woche. In der Regionalliga, denke ich, ist das eher fünf plus X.

Ljevar: Und zwei Wochen vor Spielbeginn sind alle da. Punkt. Das ist bei uns anders.

Wie sieht es finanziell aus?

Ljevar: Wir sind finanziell sehr sparsam unterwegs, eigentlich einer Regionalliga nicht wirklich würdig. Deshalb dürfen sich die Jungs auch die Freiheiten nehmen, der eine muss eben arbeiten, der andere braucht einen Nebenjob. Andere Regionalliga-Mannschaften zahlen 600 bis 800 Euro aufwärts, der Standard-Spieler bekommt seine 500 Euro.

Nixdorf: Wenn man nur sieht, dass Nußloch Christian Zeitz holt, einen ehemaligen Nationalspieler. Der geht sicher nicht wegen der guten Luft dorthin. (lacht)

Ljevar: Da sieht man die Verhältnisse. Wir zahlen jedem das Gleiche, so gut wie gar nichts.

Wie hoch ist Ihr Budget?

Ljevar: Wir rechnen mit 100 000 Euro. Allerdings nicht nur für die erste Mannschaft, sondern für die gesamte Handball-Abteilung. Das ist das Ziel, ganz haben wir es noch nicht erreicht. Bei den Spielern bekommt jeder seine 200 Euro — und das war’s.

Nixdorf: Man darf nicht vergessen, dass wir noch einen Landesligisten haben (die zweite Mannschaft ist ebenfalls aufgestiegen, d. Red.), dazu die dritte Mannschaft und ein ambitioniertes Damen-Team. Das ist vom Geld her schon schwierig zu stemmen. Andere Drittliga-Teams sind bei sich „die Mannschaft der Stadt“.

Hier müssen Sie sich immer hinter dem HC Erlangen anstellen. Nervt das?

Nixdorf: Ich bin nicht aus dem Erlanger Raum, ich fühle mich sehr wohl in dieser Rolle als Underdog. Fühlen wir uns beide, oder Ben?

Ljevar: Das ist auch gut so. Handball hat einen Stellenwert hier. Klar gibt es die große HC, doch die erste Mannschaft dort hat mit uns überhaupt nichts zu tun. Wir können uns vielleicht ein bisschen mit der zweiten Mannschaft vergleichen. Wir sind super zufrieden, dass wir im Schatten unser Ding machen können.

DHB Deutscher Handballbund TV 1861 Erlangen-Bruck

Sie würden sagen, Sie stehen im Schatten des Stadt-Rivalen?

Ljevar: Wir nutzen die Gegebenheiten der HC, dort wird viel ausgebildet. Doch wir müssen uns nicht messen.

Nixdorf: Wenn „im Schatten stehen“ negativ belegt wäre, machen wir das sicher nicht. Wir wollen auch nicht die Sonne sein, uns aber ganz wohlfühlen.

Bringt das Nachteile in Bezug auf Sponsoren und Zuschauern?

Nixdorf: Bei den Zuschauern, ich hoffe mal nicht. Jeder freut sich aufs Derby. Es gibt ein paar hochinteressante Spiele.

Ljevar: An sich sind wir gewachsen. Vor gefühlt vier, fünf Jahren war es halt eine nette Truppe. Und das war’s. Mittlerweile haben wir drei Mannschaften in den höchsten bayerischen Ligen, eine Damen-Mannschaft, die wächst. Dazu zwei Jugend-Teams. Die Sponsoren kommen auch. Wir sind auf einem guten Weg. Die Mannschaft hat einen überragenden Charakter, die Mannschaft ist Regionalliga-tauglich, wenn alle anwesend sind.

Es passiert nicht, dass ein potenzieller Sponsor schon beim HC Erlangen aktiv ist und
deshalb nicht auch noch Sie unterstützen kann?

Ljevar: Die Stamm-Sponsoren haben wir, teilweise erhöhen sie ihr Budget. Wenn wir jemanden neu ansprechen, kann das passieren. Doch das ist legitim.

Kann Ihre Situation in Erlangen auch ein Vorteil sein?

Nixdorf: Der Standort mit zwei Drittliga-Teams in einer Stadt, das ist sensationell. Ich weiß gar nicht, wo es das noch gibt. Das ist einmalig. Davon profitieren wir auch.

Viele Brucker Spieler wurden ja beim HCE ausgebildet.

Ljevar: Die Geschichte von uns ist ja, dass ein Großteil der Mannschaft von der HC gekommen ist, weil die Rahmenbedingungen dort für mehr nicht gegeben waren. Es ist auch gut, dass die HC so einen Riesenzulauf hat, davon profitieren auch andere Vereine im Umkreis. Was ich immer schade finde, ist,
wenn die Handballer eine sehr gute Ausbildung genießen, es nicht in die zweite Mannschaft schaffen, auf die Dritte haben sie keine Lust — und dann hören sie auf.

Nixdorf: Man muss auch sagen, die Zugänge in den vergangenen beiden Jahren sind nicht von der HC. Das Abwerben von Spielern untereinander ist kein Thema.

Herr Ljevar, Sie sind schon länger in Bruck dabei als ihr Kollege. Hätten Sie jemals gedacht, dass Ihr Weg Sie in die dritte Liga führt?

Ljevar: Als ich damals die Jungs übernommen habe bei der HC in der dritten Mannschaft, waren die technisch top. Jeder Trainer, der so ein Team trainieren darf, wäre glücklich gewesen. Es war ganz klar viel Potenzial da. Wir waren Meister in der Verbandsliga, konnten aber nicht aufsteigen. Und da kam der Schritt nach Bruck. Bayernliga war überhaupt kein Thema.

Und die dritte Liga?

Ljevar: Dass der Ehrgeiz nach zwei schwierigen Jahren gewachsen ist, war klar. Dass es so gut läuft, puh, ob das so auf der Hand lag, weiß ich nicht. Doch die Qualität war schon immer da. Und dass wir technisch schönen Handball spielen, auch. Was zuerst nicht ganz da war, das war die Bereitschaft statt zwei- nun dreimal zu trainieren. Wir waren ja immer als Spaß-Truppe verschrien. Überraschend finde ich es aber nicht, dass wir in der Bayernliga eine so gute Rolle gespielt haben.

Was waren wichtige Etappenziele?

Ljevar: Der Schritt nach Bruck war für die meisten sehr, sehr gut, auch wenn manche damit gehadert haben. Manche haben von den Minis an bei der HC gespielt. Das erste Jahr war spannend. Jede Liga höher ist einen Tick härter. Die Spieler haben etwas Zeit gebraucht. Das zweite Jahr war lehrreich wegen des Punktabzugs: Du standest plötzlich mit null Punkten da und musstest gegen den Abstieg kämpfen. Das war eine Riesenerfahrung.

Waren Sie froh, als Sie mit Roland Nixdorf einen Kollegen bekommen haben?

Ljevar: Ich war sehr froh. Im ersten Gespräch war Roland schnell Feuer und Flamme. Für uns war es das Beste, was passieren konnte. Alleine, weil er uns ermöglicht hat, einmal in der Woche mit Harz in Nürnberg zu trainieren. Aber er bringt auch viel Erfahrung mit. Ich habe weder einen C- noch einen B-Schein, also keine klassische Trainer-Ausbildung. Roland bringt das mit, trainierte Auswahlmannschaften. Da profitiere ich nur.

Herr Nixdorf, warum sind Sie zum TV 61 Erlangen-Bruck gewechselt?

Nixdorf: So ein Angebot schaut man sich mal an. Ben kannte ich nur vom Hörensagen, doch es hat schnell gefunkt. Seine Einstellung, seine Vita, dass er den genialen Handball lebt, das war für mich
ein Riesenreiz. Er ist ein ganz anderer Trainertyp als ich.

Haben Sie vorab gerechnet, eine Saison später Drittliga-Coach zu sein?

Nixdorf: Nein. Ganz klar. Ben meinte, er sieht uns in der Bayernliga zwischen Platz drei und fünf. Ich dachte, das ist schon forsch. Die Vorrunde, bis nach Weihnachten ohne Niederlage — wir hatten viel Glück.

Ljevar: Ja, auf jeden Fall.

Nixdorf: Ob wir die Allerbesten waren, weiß ich nicht. Am Schluss ist es schwieriger geworden, doch auch diese Krise, wenn man es so nennen will, haben wir bewältigt.

Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit entwickelt?

Ljevar: Puh. (beide lachen) Ich bin vom Typ her sehr offen, finde Roland als Person sehr genial. Wir haben immer viel kommuniziert. Es gab aber kein Konzept, keine feste Struktur.

Nixdorf: Wir haben keine klassische Aufteilung, sondern das Vier-Augen-Prinzip. Wichtig ist, dass wir beide offen sind für Neues oder die Meinung des Anderen.

Es gab keine Reibungspunkte?

Nixdorf: Nein. Wir haben immer im Gespräch eine Lösung gefunden.

Ljevar: Es lief ja auch geschmeidig. Es kann sein, dass wir jetzt die ersten vier, fünf Spiele verlieren. Dann müssen wir uns hinterfragen. In der Bayernliga waren wir oft siegreich, da hast du auch keine Stressfaktoren.

Ihre Spieler sind teilweise sehr erfahren und selbstständig …

Ljevar: Erfahren in Anführungszeichen, selbstständig auf jeden Fall. (beide lachen)

Muss man als Trainer seine Position dann immer wieder klarstellen?

Nixdorf: Es gibt solche Momente, doch die überwiegen bei Weitem nicht. Die Spieler wissen, was sie wollen. Du musst nicht permanent zur Ordnung rufen. Dass Leben drin ist, das macht Erlangen-Bruck auch aus.

Ljevar: Ich kenne die Jungs seit sechs Jahren. Deshalb habe ich auch zu vielen ein freundschaftliches Verhältnis, was vielleicht nicht gut ist für einen Trainer. Die Jungs sollen auch ihre Meinung kundtun. Wir sind darauf angewiesen, dass sie gerne zu uns kommen und Spaß haben. Wenn sie den nicht hätten, dann hätten wir ein Riesenproblem. Dieses Jahr kann es etwas anders werden, weil man eine gewisse Leistung abrufen muss.

Was bedeutet die dritte Liga für den TV 1861 Erlangen-Bruck?

Nixdorf: Eine Riesenherausforderung.

Ljevar: Bisher haben den Verein zwei, drei Personen gestemmt. Jetzt müssen wir ein bisschen mehr tun. Die Liga bringt Auflagen mit, die wir erfüllen müssen. Es kann nicht sein, dass die Mannschaft alles aufbaut, die Getränke holt.

Nixdorf: Online-Spielbericht, Doping-Kontrolle, lange Busfahrten, viel mehr Spiele, es ist einiges zu tun.

Ist die dritte Liga Endstation, ein einmaliges Erlebnis oder kann sich der Verein hier etablieren?

Ljevar: Für uns ist das eine sehr schöne, sehr spannende Geschichte. Ich möchte jedes Spiel gewinnen, das habe ich immer so gemacht. Wahrscheinlich wird es so nicht passieren. Das Ziel ist der Nichtabstieg.

Nixdorf: Kommt es nicht so, bricht auch keine Welt zusammen.

Wie hat sich das Team verändert?

Nixdorf: Wir haben vier neue Spieler, die absolut in unser Beuteschema passen. Die beiden 19-Jährigen, Torwart Valentin Naglik und Christopher Härtl für den linken Rückraum, Kreisspieler Claudio Schneck und Marius Hümpfer.

Ljevar: Gegangen ist nur Marcelo, der Torwart (Marcelo Miranda-Jahn, d. Red.), wegen seines Studiums. Die neuen Spieler passen charakterlich super in die Truppe. Wäre das nicht so, hätten wir ein Problem. Wir brauchen keinen Top-Spieler, der nicht rein passt. Zeitz wäre so ein Typ, der bei uns nicht funktionieren würde.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Ljevar: Auf die neuen Hallen, neue Rahmenbedingungen, mehr Zuschauer. Spannend wird sein, wie viele wir selbst haben werden.

Nixdorf: Es ist ein Abenteuer. Das ist immer spannend. Wir gehen den nächsten Schritt. Los geht es am 25. August um 18 Uhr gegen SG Leipzig II. Drei der ersten vier Spiele sind gleich zu Hause, wenn man das Derby am 15. September auch als Heimspiel sehen will.

Quelle: Erlanger Nachrichten // Das Interview führte Katharina Tontsch, Sportredakteurin in Erlangen

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